Orthodoxe Kirche im Spannungsfeld von Christlicher Sozialethik, Christlicher Soziallehre und Christlich-Sozialer Arbeit

Thema des Forschungsprojektes:

„Orthodoxe Kirche im Spannungsfeld von Christlicher Sozialethik, Christlicher Soziallehre und Christlich-Sozialer Arbeit“

Wissenschaftliche Fragestellung:

Was als sozial gerecht gilt, gelehrt wird und in die Tat umgesetzt wird, das wird je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlich beantwortet. Die Frage nach dem, was dem Menschen gut tut und ihm gerecht wird, das variiert je nach Bild vom Menschen und der Welt. Entsprechend genügt es nicht zu wissen, dass hinter der Vorstellung von der sozialen Lehre und der sozialen Tat eine moralische Orientierung steht. Man muss wissen, welche moralische Orientierung gilt. Im Zeitalter der Globalisierung erschweren kulturell differierende moralische Programme nicht nur den Mitarbeitern deutscher IT-Unternehmen ein werteorientiertes Management. Überall dort, wo es im Austausch der Kulturen zur Frage nach dem sozial Gerechten kommt, immer dann, wenn es um gemeinsame soziale Projekte geht, ist es hilfreich, das moralische „Programm“, die Kriterien, nach denen etwas als gerecht akzeptiert oder als ungerecht abgelehnt wird, zu kennen und zu verstehen.

Utilitaristisch begründete Entscheidungen über das Gerechte bzw. Ungerechte zum Beispiel zielen das größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl an und kommen zu anderen Antworten als religiös begründete Entscheidungen. Religiös begründet wird das Gute und Gerechte transparent als das von Gott Gewollte. Gerechtigkeit ist die Erfüllung des Willens Gottes. Je nach Religion allerdings differiert die Erkenntnis dessen, was als Gottes Wille gelten kann. Im Islam zum Beispiel offenbart Gott seinen Willen, sein Gesetz im Koran. Das Gute und Gerechte liegt in der Nachahmung Mohammeds, der den Willen Gottes exemplarisch vorgelebt hat. Mohammed war nach seiner und seiner Gemeinde Überzeugung Empfänger der Offenbarung, Gottes menschliches Werkzeug. Die Botschaft des himmlischen Offenbarungsbuches nachzusprechen und vorzutragen, war seine Aufgabe. Im Christentum offenbart Gott nicht sein Gesetz sondern sich selbst, im Alten Testament und im Neuen Testament. Das Gute und Gerechte liegt in der `Nachfolge´ Jahwes, in der vor allem die von Gott geschenkte Freiheit als Kriterium des sozialen Handelns gilt. Oder es liegt in der Nachfolge Jesu, in deren Mittelpunkt die Liebe zum Nächsten steht.

Dass es auch innerhalb des Christentums keine völlige Gleichheit im Verständnis von „christlich-sozial“, keine völlige Übereinstimmung in der Frage der sozialen Lehre und der sozialen Praxis gibt, wurde Mitte der 90er Jahre in Deutschland in einem groß angelegten Konsultationsprozess der katholischen und der evangelischen Kirche produktiv deutlich. Entsprechend Einendes und Trennendes wurde herausgearbeitet, Möglichkeiten der gegenseitigen Ergänzung gesucht, Chancen und Grenzen der Gemeinsamkeit diskutiert – mit dem Ergebnis eines „Gemeinsamen Wortes zur Solidarität und Gerechtigkeit.“ Seither richtet sich ein katholisch-evangelischer Blick auf das Christlich-Soziale, wird das Verhältnis kontinuierlich erforscht und mit Literatur belegt. Zu einem entsprechenden Vergleich zwischen der katholischen und der christlich-orthodoxen Kirche ist es bisher nicht gekommen. Das Verhältnis zur christlich-orthodoxen Kirche bzw. zu den christlich-orthodoxen Kirchen wurde und wird eher zurückhaltend erforscht.

Mit dem Eintritt orthodox geprägter Gesellschaften in die Europäische Gemeinschaft wächst aber das Interesse an der dritten großen christlichen Kirche allmählich. Zunehmend kommt die Frage auf, ob und wie das christlich-orthodoxe Verständnis von Sozialethik, Soziallehre und Sozialer Arbeit orthodox geprägte Gesellschaften, Politik und Wirtschaft, beeinflusst. Dort möchte ich mit meinen Forschungen ansetzen.

Im Mittelpunkt meiner Forschung soll die Frage stehen, welches Verständnis von christlicher Sozialethik der Soziallehre der christlich-orthodoxen Kirche Grund und Richtung gibt und wie sich die soziale Lehre in die soziale Praxis, vor allem in die soziale Arbeit umsetzt.

Forschungsziele:

Die Erforschung des Verständnisses von Sozialethik, der Begründung und Ausrichtung von Soziallehre und der Umsetzung in soziales Handeln bzw. in die Soziale Arbeit im orthodoxen Christentum soll dem besseren Verständnisses von Theorie und Praxis christlich-sozialer Verantwortung in den christlich orthodox geprägten Gesellschaften, vor allem in denen der Europäischen Union, dienen. Im Blickpunkt meines Interesses steht sowohl der vermutete Einfluss einer spezifischen christlich-orthodoxen Soziallehre auf das Verständnis einer Gesellschaft von sozialer Gerechtigkeit als auch der ebenfalls vermutete Einfluss auf die konkrete soziale Arbeit, auf soziale Projekte und soziale Berufe.

Im Vergleich mit dem katholischen Verständnis von Theorie und Praxis christlich-sozialer Verantwortung sollen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und die Möglichkeit gegenseitiger Ergänzung herausgearbeitet werden. Zunächst im Blick auf eine christlich-soziale Lehre. Dann im Blick auf die Entwicklung der Strukturen christlich-sozialer Arbeit. 

Vorgehen:

Durch Aufarbeiten der einschlägigen Literatur soll die theologische Substanz der orthodoxen Sozialethik und die Ausrichtung einer orthodoxen Soziallehre analysiert werden.

Aufenthalte in orthodoxen EU-Ländern sollen darüber hinaus Gelegenheit zu Gesprächen und Beobachtungen der Umsetzung von sozialer Theorie und Lehre in die Praxis geben. Dabei soll im Sinne einer „komparativen Theologie“ (Klaus von Stosch) vorgegangen werden: Aus christlich-katholischer Sicht sollen Überzeugungen von Personen mit christlich-orthodoxem Glauben gehört, gewürdigt und wertgeschätzt werden. Es soll möglich sein, die Vielfalt des Christentums als Wert zu erfahren, ohne die eigene Konfession unzulässig zu relativieren.