WIESO – Was ist eigentlich sozial?

WIESO – Was ist eigentlich sozial? Wertevermittlung nach den 10 Geboten für Kita-Kinder, Grundschulkinder und Jugendliche

Zunehmend wird sich unsere pluralistische Gesellschaft des Problems der Wertevermittlung im Kindesalter bewusst. Nicht erst dann und dort, wo Medien von der Gewaltanwendung junger Menschen gegen Personen berichten, von der Missachtung öffentlichen Eigentums oder anderen Verhaltensweisen, die wir als „unsozial“ empfinden und als „ungerecht“ bezeichnen. Schon das völlig unspektakuläre, alltägliche Zusammenleben z.B. in Familie, Kita oder Schule zeigt, dass zunehmend viele Kinder unsicher sind in der Beurteilung von sozialen Situationen und entsprechend in der Unterscheidung von sozial und unsozial oder gerecht und ungerecht. Oder, das haben die neuesten Forschungen von Nunner-Winkler eindrucksvoll gezeigt, dass wir zwar durchaus mit Kenntnis, mit Wissen rechnen können um das, was soziale und gerecht ist, dass aber nicht damit rechnen können, dass dieses Wissen auch in die Praxis umgesetzt wird. Zum Beispiel: In einer Szene, die Kindern vorgespielt wird, stiehlt Lucas unbemerkt in der Garderobe eine Tüte Gummibärchen aus Jennys Jackentasche. Die Kinder sind spontan und ehrlich entrüstet: „Das darf man nicht!“ „Das ist Diebstahl!“ „Das ist gemein!“ Auf die Frage, wie sich Lucas nun fühlt, ist die Antwort genauso spontan und ehrlich: „Ja, bestimmt prima!“ Begründung: „Der hat doch jetzt die Gummibärchen!“

In der Moralpädagogik, die uns erklärt, wie Kinder auf unsere Versuche, Werte zu vermitteln, reagieren, hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Lange Zeit nahm man mit Lawrence Kohlberg und seinem Stufenmodell der Entwicklung des moralischen Bewusstseins an, dass ein Kind bis zum Alter von 11 Jahren Normen für autoritär verbindlich halte und sie befolge wegen der positiven oder negativen Sanktionen. Kinder werden danach rein durch Nützlichkeitsdenken zum sozialen Handeln motiviert. Sie wollen gelobt und nicht getadelt oder gar bestraft werden. Inzwischen traut man Kindern im Anschluss an die Untersuchungen Elliot Turiels Forschungen mehr zu: Kinder unterscheiden schon früh zwischen höflichen Konventionen („Erwachsene spricht man mit `Sie´ an) und moralischen Regeln („Du darfst niemanden verhauen“), und kennen schon früh die Geltung von Normen. Sie begründen sie durchaus auch intrinsisch, unabhängig von Autorität und Strafe. Die Leipziger Anthropologen Felix Warneken und Michael Tomasello weisen in einer Studie der Max-Planck-Gesellschaft nach, dass Kinder schon sehr früh (mit 18 Monaten) spontan bereit sind, uneigennützig mit anderen zu teilen, sie zu trösten, ihnen zu helfen. Die Bereitschaft zu Teilen entwickelt sich ein bisschen später. Aber: Reicht das schon, wenn es uns um die Möglichkeit geht, soziale Werte zu vermitteln? Ist die moralische Motivation identisch mit Mitleid oder Empathie? Also mit spontanen Neigungen? Oder hat moralische Motivation eine formale Struktur? Baut sie auf Wissen auf? Seit einigen Jahren erklärt Gertrud Nunner-Winkler dazu, dass sich die Einsicht in das Soziale bzw. in das sozial Gerechte, das Moralverständnis in zwei getrennten Lernprozessen entwickelt: Alle Kinder erwerben sehr früh und universell ein angemessenes moralisches Wissen, durch direkte Unterweisung, indirekte Beobachtung der sozialen Umwelt, durch Sprache. Um dieses Wissen umzusetzen, brauchen sie Motivation. Die moralische Motivation aber, die die Umsetzung des moralischen Wissens zum persönlichen Ziel macht, die Bereitschaft, Regeln tatsächlich einzuhalten, bauen sie zeitlich verzögert in einem zweiten Lernprozess auf. Diesen zweiten Lernprozess – kognitiv, im Abschätzen von Folgeketten z.B., und emotional mitfühlend – durchlaufen Kinder je nach Intelligenz und Erfahrungsmöglichkeit unterschiedlich schnell und nicht gleichermaßen erfolgreich. Und: Diese moralische Motivation entwickelt sich nicht stetig. Sie nimmt zwar im Lauf des Lebens zu, kann phasenweise aber, darauf weist Georg Lind in seinem Konstanzer Modell hin, auch wieder abnehmen.
Entscheidenden Einfluss sowohl auf die Chance der Kinder moralisches Wissen zu erwerben als auch auf die Chance soziale Motivation zu erlernen, hat die entsprechende Kommunikation im Umfeld, d.h. vor allem in der Familie und der Kita. Entscheidend ist es, ob und wieweit es möglich ist, zu lernen und zu erfahren, was sozial ist.

Neben oder auch vor der Frage, wie Kindern sozialmoralisches Wissen und sozialmoralische Motivation zu vermitteln sei, steht aber zunehmend auch eine andere Frage, nämlich die nach dem, was Kindern an Wissen und Motivation zu vermitteln sei: Die Frage nach den gesellschaftlich gültigen Kriterien für das Soziale. Auf der einen Seite ist das gesellschaftliche Umfeld, in dem Kinder heute aufwachsen, gekennzeichnet durch eine Vielfalt möglicher Antworten auf die Frage nach dem Sozialen bzw. dem sozial Gerechten. Auf der anderen Seite braucht die Orientierung am Sozialen bzw. dem sozial Gerechten eine gültige Vorstellung von dem, was es uns wert ist, gelebt zu werden und eine breite Einigung auf entsprechende Regeln und Verhaltensweisen, die diesen Werten entsprechen.

Was ist sozial? Die Frage nach dem, was sozial sei, ist eine moralische bzw. ethische Frage. Moral bzw. Ethik ist die Frage nach den Werten, aber auch nach den Regeln und nach dem Verhalten, auf die sich eine Gesellschaft einigt. Die Frage nach dem, was sozial sei, die Frage nach Werten, nach entsprechenden Regeln und nach entsprechendem Verhalten, um die Werte umzusetzen, wird zunehmend unterschiedlich beantwortet. Kinder bekommen heute in einer Gesellschaft mit kultureller Vielfalt auch eine Vielfalt möglicher Antworten auf die Frage nach dem, was sozial sei. Kinder, vor allem Kinder im Vorschulalter, brauchen aber eine gültige Vorstellung von dem, was es uns wert ist, gelebt zu werden und eine Einigung auf entsprechende Regeln und Verhaltensweisen. Die Antwort auf das, was sozial ist, braucht ein Programm. Ein Programm, das Verbindlichkeitskriterien enthält für die Unterscheidung von „sozial“ und „unsozial“, „gerecht“ und „ungerecht“. Ein Programm, das klärt, wonach hier entschieden wird. Welche Sicht vom Menschen gilt. Von dem was ihm gut tut.

Religionen halten solche Programme vor. In Europa vor allem die jüdisch-christliche Tradition. Und hier vor allem die 1o Gebote des Alten Testamentes. Die 10 Gebote geben nicht nur in der jüdisch-christlichen Tradition sondern auch in der Tradition des Islams Menschen Orientierung, wie das soziale Leben gelingen kann. Da werden 10 soziale Werte gezeigt und dazu aufgefordert, sie zu schützen – durch entsprechende Strukturen und ein entsprechendes Verhalten
Am Anfang der 10 Gebote steht nicht der Befehl sondern die Befreiung. Am Anfang steht die Erfahrung eines Gottes, der sein Volk befreit, und das Volk, das sich von Gott in die Freiheit führen lässt. „Es sprach der Herr: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinauszuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen …“ (Ex 3,7-8) Auf Gottes Wort hin bricht das Volk auf in die Freiheit. Ein Aufbruch in eine neue, unsichere Zukunft. In eine Freiheit, mit der nicht leicht umzugehen ist, in der sich noch keiner geübt hat. Gott weist den Weg: In den 10 Geboten. 10 Wegweisungen in ein freies Leben. 10 Anweisungen zum Schutz von 10 sensiblen Freiheitsräumen in 10 Situationen riskanter Freiheit. 10 Orientierungen, wie in neuer (Lebens-) Zeit Freiheit zu halten ist. Durch entsprechende Strukturen und ein entsprechendes Verhalten. Damals, vor 3ooo Jahren, nach dem Auszug aus Ägypten. In der Situation neuer unbekannter Freiheiten und ihrer Risiken machte sich das kleine Volk Israel auf den Weg, das von Gott verheißene Leben in Freiheit zu leben. Heute in einem Europa, in der Situation neuer unbekannter Freiheiten und neuer Risiken machen sich Menschen und Gesellschaften auf den Weg, das von Gott geschenkte Leben in Freiheit zu leben.

  1. Ihr sollt nur mich als Gott haben
  2. Ihr sollt in meinem Namen nichts Falsches sagen
  3. Ihr sollt den Sonntag heiligen
  4. Ihr sollt die Alten ehren
  5. Ihr sollt niemanden verletzen
  6. Ihr sollt Abmachungen wie die Ehe nicht brechen
  7. Ihr sollt nicht stehlen
  8. Ihr sollt nicht lügen
  9. Ihr sollt euch nicht gegenseitig Dinge streitig machen, die ihr zum Leben braucht
  10. Ihr sollt euch das Privatleben nicht gegenseitig schwer machen

Welche Impulse geben diese Zehn Gebote des Alten Testamentes einer europäischen Gesellschaft im Jahr 2016?
Und dann: Welche Impulse geben sie uns für die Vermittlung von sozialen Werten an unsere Kleinsten?

 

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Literatur:
Lawrence Kohlberg, Die Psychologie der Moralentwicklung, Frankfurt am Main 1996.

Elliot Turiel, The Development of Morality, In: Handbook of Child Psychology, 1998.

Gertrud Nunner-Winkler, Zum Verständnis von Moral – Entwicklungen in der Kindheit, in: Detlef Horster (Hg.), Moralentwicklung von Kindern und Jugendlichen, Wiesbaden 2001.

Rainer Dillmann, Die Freiheit bewahren. Anmerkungen zum Dekalog aus exegetischer Sicht, in Elisabeth Jünemann/ Gerhard Kilz (Hg.), Die zehn Gebote. Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn 2009.

Gertrud Nunner-Winkler, Prozesse moralischen Lernens und Entlernens, in: Zeitschrift für Pädagogik 55(2009)4, 528-548.

Georg Lind, Die Förderung moralisch-demokratischer Kompetenzen mit der Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD), in: B. Latzko/ T. Malti (Hg.), Moralentwicklung und -erziehung in Kindheit und Adoleszenz, München 2010.